Auf der Jagd                                                                                                          ~ von Hubert

 

Auch wenn sich wohl ein jeder Fotobegeisterte ständig auf der Suche nach Motiven befindet, gibt es Gelegenheiten, wo sich ein Motiv von selbst anbietet oder es sogar danach verlangt, aufgenommen zu werden. So geschah es mir im Juni dieses Jahres ...

Meine Frau und ich besitzen seit einigen Jahren ein Wochenendhäuschen in schöner Lage am Niederrhein. Vor Regen und anderen Unbilden der Witterung schützt uns im Freien ein Terrassendach, eine Holzkonstruktion mit Doppelstegplatten aus durchsichtigem Kunststoff. Leider hat ein solches Dach, so praktisch es insgesamt ist, einen gewissen Nachteil: Es ist eine höchst effektive Insektenfalle. Einmal unter das Dach geraten, suchen Fliegen, Falter, Hummeln und andere Insekten den Ausweg dort, wo es am hellsten ist, nämlich oben, und gerade da ist kein Entweichen möglich. Große Insekten befreien wir mit einer Art von Schmetterlingsnetz, aber gegen die Vielzahl von kleinen Insekten waren wir machtlos, bis uns von unerwarteter Seite Hilfe entstand ...

Neben Kohl- Tannen- und Blaumeisen, Rotkehlchen, Zaunkönigen, Grasmücken, Kleibern, Ringel- und Türkentauben und weiteren Vogelarten sucht unseren Garten regelmäßig eine Bande von Haussperlingen auf, die mit großem Geschrei bei uns einfallen und sich sehr zu amüsieren scheinen. Einem dieser Sperlinge muss nun im letzten Jahr unsere „Insektenfalle“ aufgefallen sein, und die hat er sich wohl genauer angesehen. Irgendwann hat er angefangen, sich diese ungewöhnliche Nahrungsquelle zu erschließen. Dabei hat er im Laufe der Monate eine besondere Flugtechnik entwickelt und zur Perfektion gebracht, die man gewöhnlich bei Sperlingen nicht beobachtet und die an den Schwirrflug eines Kolibris erinnert.

Der Sperling setzt sich dazu auf einen Beobachtungsplatz, vorzüglich auf der gleich angrenzenden Garage, sucht sich aus der Vielzahl der herumschwirrenden Exemplare ein bestimmtes Insekt aus und stürzt sich dann auf seine Beute. Diesem scheint die Gefahr, in der es geraten ist, durchaus klar zu sein, denn es weicht dem Sperling in wilden Finten in alle Richtungen aus – allerdings ohne seinem grundsätzlichen Plan, unbedingt nach oben zu entkommen, aufzugeben. Der Sperling wiederum folgt dem Insekt in ebenso wirrem Schwirrflug und erreicht fast immer sein Ziel in wenigen Sekunden. Dann setzt er sich auf das Garagendach, verzehrt in Ruhe seine Beute und schaut nach dem nächsten Opfer aus. Das geht so seit einigen Wochen tatsächlich von morgens bis abends, und der Lärm, den das Schwirren seiner Flügel bereitet, macht einen geruhsamen Mittagsschlaf auf der Terrasse nahezu unmöglich.

Nachdem wir diesem Geschehen monatelang interessiert zugesehen hatten, ohne dass ich auf die Idee gekommen wäre, es fotografisch festzuhalten, hatte ich Mitte Juni dieses Jahres aus heiterem Himmel plötzlich genau diesen Einfall. Dabei war mir von vornhinein klar, dass das Motiv vor dem Hintergrund der Doppelstegplatten wenig romantisch wirken würde, aber das Motiv war nun einmal so. Also habe ich kurzerhand meine Spiegelreflexkamera, eine Nikon D5500, hergenommen, mit meinem Lieblingsobjektiv Sigma 17-70 F 2,8-4 DC Makro OS HSM versehen und eben schnell ein paar Fotos vom jagenden Sperling geschossen ...

Das Ergebnis dieses ersten Versuchs war aber fotografisch eine einzige Katastrophe. Kein einziges Bild war auch nur annähernd brauchbar! Es war mir offensichtlich fast unmöglich, den unvorhersehbaren Bewegungen des Sperlings zu folgen. Auf den meisten Bildern war gar kein Vogel zu sehen, auf anderen war er angeschnitten, auf wenigen ein ganzer, aber völlig unscharf verwischter Vogel zu sehen, und auch das nur als dunkle Silhouette. Daran hatte ich nicht gedacht, dass meine Augen zwar mit dem im Schatten fliegenden Vogel vor dem Hintergrund des sonnenbeschienenen Terrassendachs zurecht kommen, aber die Dynamik des Sensors selbst einer modernen Digitalkamera dazu nicht ausreicht.  – Wen meine fotografischen Misserfolge aber nicht interessierten, das war der Sperling. Völlig unbeeindruckt von meinem Tun setzte er seine Jagd fort und bot weiterhin sein spektakuläres Schauspiel feil, unmittelbar über unseren Köpfen.

Weil sich dies auch am folgenden Tag nicht anders verhielt, war mein Ehrgeiz als Fotograf nun herausgefordert. Ich erinnerte mich daran, dass ja auch meine erste Spiegelreflexkamera noch existierte, nämlich eine Nikon D300, diese als bevorzugtes Kameramodell vieler Sportfotografen einen guten Ruf besaß und eine kürzeste Belichtungszeit von einer achttausendstel Sekunde ermöglichte. Außerdem verfügte ich noch über einen Batteriegriff für diese Kamera, mit dem versehen sie acht Bilder pro Sekunde belichten kann, und ein lichtstarkes Makroobjektiv langer Brennweite (Sigma MAKRO 150mm F 2,8 EX DG OS HSM).

Mit dieser Kombination (die zusammen ein Gewicht von fast zwei Kilogramm erreicht) machte ich mich nun aufs Neue an mein anspruchsvolles Motiv heran. Lange darauf warten musste ich nicht, der Sperling erwies sich als überaus zuverlässig. Die Kamera auf Dauerfeuer gestellt verlief dieser Versuch nicht ohne merkliche Lärmentwicklung, denn der Spiegelschlag der D300 ist beeindruckend. Während der Spatz unbeirrt seine chaotischen Jagdflüge vollführte, versuchte ich mit der Kamera seinen Kapriolen zu folgen, und das mit dem Geräuschpegel einer schallgedämpften Maschinenpistole.

Aber auch das Ergebnis dieses zweiten Versuchs war niederschmetternd. Zwar erhielt ich aufgrund der Anwendung roher Gewalt mehr Bilder, die den ganzen Sperling zeigten, aber das Problem mit der mangelnden Dynamik des Kamerasensors hatte sich noch verstärkt, denn der Dynamikumfang der alten Kamera liegt volle drei Lichtwerte unter dem der neuen. Der Sperling wurde nur als schmutzig-braune Silhouette abgebildet. Mit dieser Lichtsituation war da wohl nichts zu machen.

Aber an eben dieser Lichtsituation ließe sich ja etwas ändern, fiel mir ein! Wie wäre es mit Blitzen? Normalerweise blitze ich Tiere nicht an, aber ich brauchte ja nur einen Aufhellblitz, der, verglichen mit dem gleißenden Licht der Sonne, wohl kaum Schaden anrichten könnte. Ich erinnerte mich dunkel daran, irgendwann irgendwo gelesen zu haben, dass es eine Technik gibt, mit der es möglich ist, auch mit einer Kamera mit Schlitzverschluss bei sehr kurzen Belichtungszeiten zu blitzen, und recherchierte im Internet. Bingo: die Technik heißt „FP-Kurzzeitsynchronisation“, wobei das Blitzgerät während der Aufnahme der einzelnen Fotos eine ganze Serie von Blitzen in schneller Folge aussendet, so dass auch bei kürzester Belichtungszeit der ganze Sensor der Kamera belichtet wird. Und noch besser: Die D300 verfügt über diese Technik, und der notwendige Blitz war auch vorhanden. Nach kurzem Studium der Handbücher von Kamera und Blitz hatte ich alles Notwendige eingestellt, und ich machte mich am nächsten Tag, dem dritten meiner diesbezüglichen Versuche, mit dieser Kombination ans Werk, die jetzt gut zweieinhalb Kilogramm auf die Wage brachte.

Dies erwies sich dann auch als die technische Lösung meiner Probleme. Der Sperling ließ sich auch vom Blitzlichtgewitter nicht stören und flog unbeirrt weiter seine Jagdflüge. Nichts geändert hatte sich natürlich an meinen Problemen, ihm zu folgen; da blieb ich auf Glück angewiesen. Die Brennweite des Makroobjektives war immer noch zu kurz, so musste ich sowieso mit einem Ausschnitt des Bildes zurechtkommen und eine gewisse Wahrscheinlichkeit, den Sperling im Bild zu behalten, war vorhanden. Da der Autofokus des Makroobjektives darüber hinaus zu langsam für mein anspruchvolles Objekt war, habe ich auf ihn ganz verzichtet, auf ein Feld zwischen den Balken des Terrassendaches vorfokussiert und die Insektenjagd eben nur in diesem Feld verfolgt. Der Ausschuss der Ergebnisse war dabei immer noch hoch, aber die Belichtung des Vogels stimmte immerhin. Die meisten Posen des Vogels waren fotografisch wenig attraktiv (der Sperling möge mir verzeihen) und nur ganz selten war das Ziel seiner Beute mit auf dem Bild. Aber bei einem, einem einzigen Foto ist mir tatsächlich alles in dieser Situation Mögliche gelungen, und ich hatte mein Ziel erreicht, nach immerhin drei Tagen harten Kampfes:

 

Hat eine Menge Spaß gemacht!

 

 

Hubert.

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Kommentare: 1
  • #1

    eugen (Montag, 09 Oktober 2017 11:21)

    gerne möchte ich mehr info über den club ,anmeldung ,preis usw